Den FreeBite richtig anwenden

Die Anwendung des FreeBite air und balance bei der CMD-Therapie ist fast identisch. Der FreeBite solid dient der Präzisionsbissnahme und als Sofortschiene und wird separat erklärt.

Der FreeBite liegt locker auf der unteren Zahnreihe, die Seitenzähne sind abgestützt, die Frontzähne ausgespart, um Ausweichbewegungen zu vermeiden. Auch wenn der FreeBite locker im Mund liegen und eher zum Spielen damit anregen sollte und es daher keine festen Regeln gibt, sollten folgende Punkte Beachtung finden:

  • Er sollte nicht ständig so liegen, dass Frontzähne auf den Verbindungsschlauch beißen. Meist wird dieser lingual (hinter) den Frontzähnen liegen.
  • Er wird zwischen Zunge und Wangen geführt und möglichst so zurecht geschoben, dass die linken und rechten hinteren Zähne symmetrisch darauf Kontakt finden. Hierfür ruhig auch einmal die Unterseite nach oben wenden, dann liegt der FreeBite vielleicht bequemer!
  • Es muss unbedingt vermieden werden, über längere Zeit auf den FreeBite zu pressen, denn dies würde die Kaumuskulatur ermüden, was nicht erwünscht ist!


Manch einer spürt schon bald nach dem Einsetzen, wie der FreeBite seine Wirkung entfaltet und stimuliert. Er liegt nicht passiv im Mund, sondern simuliert durch die besondere Form und Eigenelastizität seiner Hülle einen Kontakt zwischen den hinteren Zähnen. Allerdings ist dieser Kontakt nachgiebig, beim FreeBite air weicher, als beim FreeBite balance. Das heißt, die Muskulatur und ihre reflektorische Steuerung erhält nun ganz neue Signale: Statt sich verspannen zu müssen, um die Kiefergelenke zu komprimieren und die hinteren Zähne näher zusammen zu bringen, so dass sie in Kontakt gesetzt werden können, tritt der initiale Kontakt jetzt sowieso jeweils zwischen den hinteren Zähnen auf.

Vielleicht verspürt man jetzt ein leichtes Ziehen in den Wangen, während die Muskulatur diese neue Situation verarbeitet. Ein natürlicher Reflex kann sein, nun auf diesen vermeintlichen Fremdkörper zu pressen. Dies sollte verhindert werden, indem der Mund immer wieder weit genug geöffnet wird, bis die Zähne den FreeBite ganz freigeben. Sollte man sich dabei ertappen, dass man doch immer wieder auf den FreeBite gepresst hat, so ist es besser, ihn heraus zu nehmen und eine Pause zu machen. Man kann dann die Tragedauer, beginnend mit 10 Minuten,  langsam ausdehnen, während sich der Mund an dieses neue Gefühl gewöhnt.

Aber auch nach solch kurzen Tragezeiten kann der FreeBite durchaus bereits Wirkung entfalten. Ein Zeichen dafür ist, wenn der erste Kontakt, den man zwischen den Zähnen bekommt, wenn man sie leicht und locker bei aufrechter Kopf- und Körperhaltung aufeinander tappt, weiter vorne liegt, als dies vor dem Tragen des FreeBite der Fall war.

Die Möglichkeit, die Situation im habituellen Biss mit der zu vergleichen, wenn die Kiefergelenke entlastet und die Kaumuskulatur entspannter ist, ist eine der wichtigen Eigenschaften des FreeBite Systems. Faktoren, die man vor und nach Tragen des FreeBite vergleichen kann, sind z. B.:

  • Der Erstkontakt beim lockeren Tappen der Zähne. Ist dieser weiter nach vorne gewandert, so hat sich die Kompression der Kiefergelenke zumindest teilweise gelöst. Ist er zu einer Seite gewandert, so hat sich eine einseitige Kompression auf der anderen Seite gelöst.
  • Die Stellung der dentalen Mittellinien (die Ritzen zwischen den mittleren Schneidezähnen oben und unten). Hat sich die untere Mittellinie auf dem FreeBite nach einiger Zeit hin zur Körpermitte verschoben, so liegt womöglich ein einseitiger Verlust der Abstützung im Biss vor, z. B., weil Nachbarzähne in eine Zahnlücke eingekippt sind. Oft wird dies kompensiert, indem der Unterkiefer zur Seite der mangelnden Abstützung abweicht, eine Kompensation, die sich ganz langsam im Lauf von Jahren ergeben kann, dann aber oft schwer aufzudecken ist.
  • Die sagittale Stufe: Normalerweise beißen die unteren Schneidezähne hinter den oberen. Muss der Unterkiefer jedoch einem Vorkontakt auf den Schneidezähnen ausweichen (z. B. auf einer neuen Krone), so wird er weiter retral gehalten und geführt. Diese Ausweichhaltung löst sich dann auf dem FreeBite auf und die sagittale Stufe wird kleiner.
  • Die Kopfdrehung mit den Zähnen zusammengebissen bzw. mit dem FreeBite dazwischen.
  • Die Seitneige der HWS beim Biss auf die Zähne bzw. auf den FreeBite.
  • Kopfschiefhaltung: Manchmal löst sich eine Schiefhaltung des Kopfes nach einiger Zeit auf dem FreeBite auf. Wird er dann heraus genommen, so findet man spontan nur mehr auf einer Seite Kontakt mit den Zähnen, bis der Kopf wieder schief steht. 
  • Kopfvorhaltung: Eine Kopfvorhaltung kann als Kompensation für eine ungenügende Abstützung auf den hinteren Zähnen entstehen. Beim Tragen des FreeBite löst sie sich dann evtl. auf. Wird er herausgenommen, so findet man spontan nurmehr Kontakt auf den Schneidezähnen, bis sich die Kopfvorhaltung wieder gefunden hat, bei der man auch die posterioren Zähne wieder in Kontakt setzen kann.


Es gibt noch eine Menge weiterer Tests, mit denen man den Einfluss des Bisses auf andere Funktionskreise im Körper testen kann, von Bein- und Armlängentests über den Hüftabduktions- und Vorlauftest bis hin zu kinesiologischen Tests.

Die chronische Verspannung der Kaumuskulatur geht mit der Kompression der Kiefergelenke Hand in Hand, weil sich die Kraftvektoren von Agonisten und Antagonisten nicht aufheben. Die kräftigen Schließmuskeln M. masseter und M. pterygoideus medialis ziehen den Kieferwinkel nach superior, der oberflächliche Bauch des M. masseter hat einen Zugvektor nach anterior (rote Pfeile). Verspannungen in diesen Muskeln würden zum permanenten Zahnkontakt führen, wenn nicht die Mundöffner als Antagonisten dagegen arbeiten würden. Diese setzen jedoch an der Symphyse des Unterkiefers an und ziehen diese nach retral in Richtung des Zungenbeins (hellblauer Pfeil). Es verbleibt eine resultierende Kraft, welche das Kiefergelenk nach superior und retral komprimiert, und zwar auch dann, wenn die Zähne keinen Kontakt haben, so lange die muskuläre Verspannung besteht. Im Lauf der Zeit kann diese Kompression zu Bewegungseinschränkungen und der Verlagerung des Diskus führen. Möglicherweise verkürzen sich die Collagenstrukturen in den Bändern und der Gelenkkapsel, wodurch die Bewegungseinschränkung erhalten bleibt, selbst wenn die Muskelverspannung gelöst wird.

In der Manualtherapie sind in solchen Fällen Dehnbehandlungen der Gelenkkapseln üblich. Jedoch kann diese äußerst mühsam sein, wenn gegen die hohen Muskelspannungen gearbeitet wird, zu denen die Kaumuskulatur in der Lage ist. Einfacher ist es, auf den posterioren Zähnen ein Fulkrum zu schaffen und die Kinnspitze nach oben zu drücken, während der Patient sich darauf konzentriert, seine Kau-muskulatur locker zu lassen und sich dem gut dosierbaren Dehngefühl nicht zu widersetzen. Der FreeBite balance CCD ist für diese Behandlung in besonderer Weise geeignet.

Dabei kann diese Dehnbehandlung sogar dem Patienten selbst als Heimtherapie übertragen werden. Er sitzt an einem Tisch, stützt sich darauf mit dem Ellenbogen auf und stützt mit dem Handballen das Kinn. Nun kann die Druckrichtung variiert werden, der Unterkiefer etwas nach vorne geschoben werden, der FreeBite etwas nach hinten, bis das beste Zuggefühl in den Kiefergelenken entsteht. Wichtig ist es, dabei nicht mit brachialer Kraft zu arbeiten, sondern sich auf das Entspannen der Kaumuskulatur zu konzentrieren. Meist ist es besser, diese Übungen sanfter durchzuführen und dafür öfters zu wiederholen.

Last, not least: Wann sollte der FreeBite getragen werden? Oben wurde ein Einsatzbereich beschrieben, wie er z. B. in der Physiotherapie effizient wäre. Wenn der Physiotherapeut eng mit einem Zahnarzt zusammen-arbeitet, ist es auch sinnvoll, den FreeBite nach der Physiotherapie auf dem Weg zum Zahnarzt zu tragen, dann bleibt der Effekt der Behandlung erhalten und mögliche Auswirkungen auf die Kieferstellung können dort bewertet werden. Beim Zahnarzt ist ein weiteres Einsatzgebiet ganz klar die Vorbereitung zur Bissregistrierung, insbesondere bei CMD-Patienten, wo es oft darum geht, Kompressionen in den Kiefergelenken zu lösen. 

Jedoch dient der FreeBite auch der Diagnostik, nämlich wenn es darum geht, herauszufinden, welchen Einfluss der Biss auf die Symptome bei einer vermuteten CMD hat. Und da hat es keinen Sinn, mit dem FreeBite den Effekt der Entlastung der Kiefergelenke durch eine verbesserte Abstützung auf den posterioren Zähnen zu einer Zeit zu testen, wo sowieso keine Symptome auftreten. Bauen sich die Beschwerden z. B. tagsüber während der Arbeit auf, so ist es sinnvoll, den FreeBite während dieser Zeit zu tragen und zu beobachten, ob sich dadurch etwas ändert. Schläft man gut und wacht am Morgen entspannt auf, warum sollte man sich die Nacht über mit einem Fremdkörper im Mund befassen? Auf der anderen Seite ist gerade dies sinnvoll, wenn man morgens regelmäßig wie gerädert aufwacht und es gilt, herauszufinden, ob eine ungünstige Abstützung im Biss etwas damit zu tun haben könnte. Stellt sich heraus, dass dies der Fall ist, so gibt es meist bessere Behelfe für die Nachtruhe, mit denen sich gleichzeitig auch eine mögliche Problematik mit Schnarchen positiv beeinflussen lässt. Jedoch sollte man nicht versuchen, den FreeBite voreilig durch die Nacht zu tragen, solange man schon bei kürzeren Tragezeiten am Tag kaum verhindern kann, darauf mit den Zähnen zu pressen. Es ist wichtig, dem Körper etwas Zeit zu geben, um sich an die ungewohnte Abstützung auf den hinteren Zähnen zu gewöhnen!


« Richtig auswählen                                                                               FreeBite solid »


Zum FreeBite-Shop



© Rainer Schöttl 2017          Kommentieren mit IntenseDebate          Impressum          Datenschutz