Zähneknirschen, Zähnepressen und CMD

Kürzlich flatterte die Anfrage der Versicherung eines Patienten ins Haus. Man werde seine CMD-Behandlung nur bezuschussen, wenn Zähneknirschen, genannt „Bruxismus“, vorliege. Für die Versicherung bestand die CMD aus dem Phänomen Zähneknirschen und damit fertig. Was hat es mit diesem unverstandenen Phänomen auf sich?

Zähneknirschen hinterlässt unweigerlich Spuren an den Zähnen selbst, denn es kommt zum Abrieb von Zahnschmelz. Aber auch der Zahnhalteapparat, genannt „Parodont“ bleibt nicht verschont, denn die Kräfte wirken horizontal ein, statt vertikal, wie beim Kauen. Gelegentlich wird Zähneknirschen auch nur vermutet, obwohl keine Spuren davon zu sehen sind (siehe „Jig-Schienen: Vorsicht!“). Wenn man dann nachfragt, so wird auch noch Zähneknirschen mit Zähnepressen gleichgesetzt, obwohl es hier um fundamental unterschiedliche Parafunktionen geht. „Para“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „neben“. Parafunktionen im Kausystem sind also solche, für die es eigentlich nicht vorgesehen ist, wie eben zum Beispiel Bruxismus und Zähnepressen.

Meist wird zwischen den beiden nicht unterschieden und sie werden einfach auf Stress zurückgeführt. Das führt dazu, dass manch einer Stress als den einzigen beachtenswerten Faktor bei der CMD sieht. Einerseits ist es sicher richtig, dass Parafunktionen des Kausystems beim Menschen den Umgang mit Stress, Drohgebärden und ähnliches mehr betreffen. Bei Schmerz auch einmal „die Zähne zusammenbeißen“, oder jemanden „die Zähne zeigen“ sind Ausdrucksformen dafür, haben in Wirklichkeit aber kaum etwas mit der Funktionsstörung des craniomandibulären Bewegungssystems zu tun, welche mit „CMD“ abgekürzt werden.

Das Zähnepressen ist eine bewegungslose Parafunktion, bei der Zähne in der Position aufeinander gepresst werden, in der sie zusammenpassen. Die Kraftrichtung ist vertikal und die Muskeln, die dabei eingesetzt werden, sind die Mm. masseter (superfizial und profund), sowie die Mm. pertygoideus medialis, die den Mm. masseter auf der Innenseite des Kieferwinkels gegenüber liegen. Dem Zähnepresser sieht man seine Parafunktion an, denn er hat hervortretende Wangen, weil er seine Mm. masseter wie ein Bodybuilder ständig isometrisch trainiert.

Nichts dergleichen beim Zähneknirschen. Kennzeichnend ist hier eine Facettierung der Zähne und setzt man die oberen und unteren Zahnreihen in dieser Abriebposition zusammen, so sieht man schnell, dass sie weitab von der Bissposition ist. Oft kann der Patient gar nicht glauben, dass er in einer derart verschobenen Position auf den Zähnen reibt! Die Kraftrichtung ist horizontal und die Muskulatur, die hierfür eingesetzt wird, besteht dem entsprechend aus den Mm. temporalis und den Mm. pterygoideus lateralis. Die Mm. temporalis werden von zähen Faszienschichten bedeckt, sodass hervortretende Schäfenmuskeln oft nicht so ins Auge stechen, wie die übertrainierten Wangenmuskeln beim Presser. Jedoch wird man beim Knirscher bei entsprechenden Kieferbewegungen wesentlich kräftigere Muskelkontraktionen an den Schläfen tasten, als beim normalen Menschen.


Das Zähnepressen kann durch eine zu kräftige Bisshebung ausgelöst werden, vor allem, wenn die posterioren Zähne als störend hoch empfunden werden. Der FreeBite ist z. B. ein Beißkissen, das die posteriore Abstützung maximiert und manch ein Patient muss erst schrittweise an diese Umstellung bei Kompressionen der Kiefergelenke herangeführt werden, um den Pressreflex zu vermeiden und in den Genuss der therapeutischen Effektivität dieses Beißkissens zu kommen. Oft sind beim Presser auch Stressfaktoren im Spiel, denen man mit Biofeedback beikommen kann. Hierdurch wird trainiert, anders mit Stress umzugehen, als die Zähne zusammen zu beißen.

Entgegen weit verbreiteter Meinungen spielt Stress beim Zähneknirschen meist eine wesentlich unbedeutendere Rolle. Allerdings kann man dies nur differenzieren, wenn einem effiziente Methoden zur Muskelentspannung zur Verfügung stehen, wie z. B. das von Dr. Jankelson entwickelte niederfrequente TENS. Bei Bruxern wird man nach einer solchen Entspannung der Kaumuskulatur meist feststellen, dass beim Zubeißen kein Kontakt auf den posterioren Zähnen mehr zustande kommt. Dies ist nur mit Mühe und einer entsprechenden Verspannung in den Mm. masseter (p. prof.) und Mm. pterygoideus medialis in einer Position möglich, in der weiter anterior gelegenen Zähnen ausgewichen werden muss und die daher unbewusst als störend empfunden werden.

Solche Bisse, die posterior ungenügend auf den Zähnen abgestützt sind, wurden in der Vergangenheit reihenweise produziert, indem man die Bisslage am Patienten in Rückenlage und bei manuell zurückgeschobenem Unterkiefer einstellte. Die Gelenkbahnen verlaufen meist nicht parallel zur Kauebene, sondern nach posterior ansteigend, wodurch sich die hinteren Zähne beim Zurückschieben des Unterkiefers näher kommen. Bei aufrechter Körperhaltung und nicht nach retral verschobenem Unterkiefer stehen nun Frontzähne im Weg, denen fortan ausgewichen werden muss und die dadurch im Unterbewusstsein als Störfaktoren hinterlegt sind, die man in Zeiten der Parafunktion unbewusst zu beseitigen sucht.

Bei der CMD führt vor allem ein mechanisches Funktionsverständnis zur Konfusion. Der Mensch ist kein Artikulator, bei dem die Gelenke eine Bewegungsbahn vorgeben, sondern wir haben hier ein hochpräzises reflexgesteuertes Bewegungssystem vor uns, das auf unterschiedliche Situationen reagiert und sich ideal an Veränderungen anpassen kann. Immer wieder sehen wir uns mit Symptomen konfrontiert, die bei einer mechanischen Betrachtung unverständlich scheinen. Manchmal scheinen sie unlösbar, denn sie sind hausgemacht und wie Einstein schon sagte, lassen sich Probleme nicht mit den Methoden lösen, durch die sie entstanden sind!


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