Der lange Weg zum HIP-Mount 8

Wie kam es eigentlich zur Modelleinstellung mit dem HIP-Mount? Gerade in einer Zeit, in der manch einer seine Quellen geschickt verschleiert, möchte ich die meinen gerne würdigen.

Eigentlich begann es in meiner frühen Jugend, als sich die Frankonia Dental GmbH meines Vaters dem Vertrieb von Whip Mix Produkten verschrieb und erstmals vakuumgerührte Gipse und Einbettmassen in Deutschland einführte, ebenso, wie die Geräte dazu, den Tri-Caster, den Power Mixer, usw. In den Namen der von mir entwickelten Produkte spiegeln sich solche englischen Begriffsmuster wieder.

Ich lernte den Kopf hinter hygroskopischen und expansionsgesteuerten Einbettmassen, wie auch hinter modernen Superhartgipsen kennen, Bob Neiman, dem Chefchemiker von Whip Mix, von dem alle kopierten, den heute aber niemand mehr kennt. Ebenso Ed Steinbock, den Chef von Whip Mix und dessen Sohn Allen. Neben revolutionären Gipsen, Einbettmassen und Geräten wurde aber auch eine ganz neue Artikulatorgeneration bei Whip Mix entwickelt, die 8500-er Serie, die von Charley Stuart, der Ikone der Gnathologie, als erster vereinfachter Studentenartikulator in Arcon-Bauweise inspiriert waren. Dazu noch der Quickmount, der erste Mittelwert-Gesichtsbogen, den sein Erfinder W. B. Dragan bei Whip Mix fertigen ließ und worauf ihm 1978 auch ein Patent erteilt wurde. In den späten 60-ern und frühen 70-ern waren das unerhörte Neuerungen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten - heute hat man um deren Ursprünge längst vergessen.

Es war nur natürlich, dass,  als ich während meinem Studium in den USA auf Dr. Jankelson und seine Myozentrik stieß, ich diese unterschiedlichen Weltanschauungen irgendwie zusammenführen wollte. Und so arbeitete ich etliche Jahre mit Myozentrik und Gesichtsbogen, ohne zu verstehen, dass dies nicht nur ein Stilbruch, sondern ein Bruch der logischen Kette der  Verfahrensweisen ist, der zu entsprechenden Fehlern führt. Von besonderer Faszination war für mich der Fokus, den Jankelson auf die Kauebene und deren Verwindungskurven legte. Ich musste einfach eine Querverbindung zwischen Bob Jankelson (Jr.) und meinem Freund Allen Steinbock von Whip Mix schaffen, was in den 80-er Jahren zu einem halbherzigen Versuch von Whip Mix führte, eine Kalottenstütze für deren Artikulator zu entwickeln. Diese Kooperation fand aber nach einigen Monaten schon ihr Ende, als Bob Jankelson mir lakonisch eröffnete „I don’t think that Myotronics and Whip Mix mix well!“. Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt verstanden, dass ein solcher Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt war, weil die Geometrie eines auf die Scharnierachse ausgelegten Artikulators für die Arbeit bei horizontal gestellter Kauebene einfach untauglich ist.

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Also nahm ich das Projekt selbst in die Hand - und blieb prompt damit stecken. Der Quantensprung geschah, als das ICCMO 1997 Dr. Jim Carlson zum Sommertreffen nach Innsbruck einlud, um die Konzepte zu erleutern, die hinter seinem „Aculiner“ Artikulator steckten. So interessant dieses Treffen verlief, er blieb mir dennoch etliche Antworten schuldig. Jedoch besteht kein Zweifel, dass er es war, der mich auf die HIP-Ebene gebracht hat, auch wenn nicht er selbst, sondern Cooperman sie gefunden hatte. In der Folge experimentierte ich einige Zeit mit dem Aculiner, aber er war mir mit einem Preis von über 4000 DM nicht nur zu teuer, sondern auch zu unflexibel. Montageplatten und Magnetsplitcasts - dafür existierten bereits unter handelsüblichen Artikulatoren wesentlich ausgereiftere Lösungen. Und so entstand die Motivation, ein Gerät zu entwickeln, mit dem man das obere Modell nach der HIP-Ebene einstellen konnte und zwar in einen beliebigen vorhandenen Artikulator. Bald enstand der erste Prototyp des HIP-Mounts, mit dem ich im Geheimen einige Jahre in der Praxis experimentierte, bis ich 1999 zu der Überzeugung gelangt war, das diese Erfindung es wert war, zum Patent angemeldet zu werden. Gleich nach der Anmeldung wurde die erste Kleinserie produziert und ich gab die erste Ausgabe der HIP-Mount News heraus (bitte zum Vergrößern anklicken!).














„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“: wer kennt dieses Sprichwort nicht? Konnte man wirklich darauf vertrauen, dass die HIP-Ebene „richtig“ war? Konnte es nicht Ausnahmen geben? Es musste eine Möglichkeit geschaffen werden, die Modellmontage nach dieser Ebene individuell an einem Patienten zu überprüfen. Inzwischen hatte ich wesentlich bessere Kontakte zur Metallbearbeitung und die Konzeption des HeadLines war im Jahr 2000 bereits so weit fortgeschritten, dass ich auch ihn zum Patent anmelden und gleich darauf in einer Kleinserie fertigen lassen konnte.

Sobald die Kauebene gesichert war, wollte ich auch gerne die sagittale und transversale Verwindungskurve symmetrisieren können, so, wie ich es bei Jankelson gesehen hatte. Zunächst lieferte mir Whip Mix hierfür eine vorhandene Kalotte. Auch waren die ersten zehn HIP-Mounts längst verkauft und eine zweite Serie musste aufgelegt werden. Es entstand meine „Upgrade Philosophie“, der ich bis heute treu geblieben bin. Dabei geht es darum, dass ein Kollege, der mir durch den Kauf eines Gerätes dabei half, dessen Weiterentwicklung zu finanzieren, von dieser Entwicklung auch profitieren können sollte, indem er sein Gerät zu einen günstigen Aufpreis gegen ein neues tauschen konnte.

Im ITMR hatte ich inzwischen einen neuen Kurs eingeführt, den „HIP-Kurs“. Mein Vater hatte mir schon bei der Myozentrik den Rat mit auf den Weg gegeben: „Um sie wirklich zu verstehen, musst Du sie lehren!“. Tatsächlich, nichts zwingt einen dermaßen dazu, sich Zeit für eine Sache zu nehmen, als wenn man einen Vortrag darüber halten muss! Die manchmal kritischen Diskussionen mit Kollegen mögen einem zwar Sorgen bereiten, aber ich kenne keine Möglichkeit, um sich schneller in einer Materie zu vertiefen. Und so setzte mit den Kursen eine wahre Ideenflut ein.







Es wurde bald klar, dass der Fokus auf der Referenzebene in der Frontalen und Sagittalen alleine nicht ausreichte. Weder Cooperman noch Carlson hatten sich bei der HIP-Ebene Gedanken um die Modellanordnung in der Transversalen gemacht und auch um die Hochachse verdreht angeordnete Modelle kamen in der HIP-Ebene  immer wieder vor. Was hatte Priorität, die zur Artikulatorachse parallele Anordnung der posterioren Referenzpunkte, der so genannten „Hamuli“, oder die midsagittale Ausrichtung der Gaumennaht? Bei allen mir verfügbaren menschlichen Schädeln verlief die Gaumennaht zumindest im Bereich des Gaumendaches entlang der Schädelmitte. Im Zweifelsfalle mussten es eher die Hamuli sein, welche asymmetrisch liegen konnten. Und bald fanden sich auch Beispiele dafür, z. B. bei Patienten, bei denen einseitig ein Seitenzahn nicht angelegt, oder vor Abschluss des Kieferwachstums entfernt worden war. Dies gab den Anlass zur Entwicklung des HIP-Analyzers, einer durchsichtigen Mess-Schablone, mit der Zahnbögen vermessen, aber auch diejenigen Auflagepunkte identifiziert werden können, welche bei der Montage eine midsagittale Anordnung der Gaumennaht im Artikulator ergeben.

Immer mehr wurde jetzt aber klar, dass Modelle anders im Artikulator angeordnet werden müssen, wenn man mit der Kauebene als Bezug arbeiten möchte. Würde man hierfür das Modell einfach in seiner vom Gesichtsbogen gewohnten Zuordnung belassen und nur posterior herunter klappen, bis die Zahnreihe parallel zur Tischebene war, so stünde es viel zu weit unterhalb der Artikulatorachse, was beim Heben oder Senken im Artikulator dazu führen würde, dass es dabei nach posterior bzw. anterior in eine falsche Zuordnung gelangt. Also begann ich, mit der Verlagerung der Montagepunkte im Artikulator zu experimentieren. Dies resultierte in der Entwicklung von frei positionierbaren Zwischenplatten, die beim Einartikulieren automatisch einen Magnetsplitcast erzeugen, den „ParaspliT-Platten“. Inzwischen hat es auch hier Verbesserungen gegeben, aber der Grundgedanke ist der gleiche geblieben und kann in der 5. Ausgabe der HIP-Mount News nachgelesen werden, wenn man auf die Abbildung links klickt (wie bei den übrigen hier eingefügten HIP-Mount News auch).


Die  6. und letzte Ausgabe des HIP-Mount News erschien Ende 2001. In ihr wurde die inzwischen 5. Serie des HIP-Mount mit ihren Neuerungen beschrieben, aber auch die erweiterten Möglichkeiten, welche die 2. Serie des HeadLines bot. Man konnte es nun auch zur Aufzeichnung einfacher Pfeilwinkelregistrate heranziehen!

Die Kauebene aus dem Mund heraus auf den Gesichtsschädel zu projizieren und so am Patienten mit beliebigen Referenzpunkten  in Bezug setzen zu können, eröffnete ganz neue und aufregende Möglichkeiten. Nicht nur konnte die Zuverlässigkeit der HIP-Ebene problemlos überprüft werden, man konnte jetzt auch jede andere Bezugsebene, zu der ein Modell im Artikulator eingestellt war, individuell am Patienten kontrollieren. Alleine der Begriff „mittelwertige Modellübertragung“ beinhaltet ja bereits eine Schwankungsbreite. Wie groß fielen solche Abweichungen aus und welche Konsequenzen hatten sie? Es verblüffte mich, herauszufinden, dass sich mit dieser Frage noch kaum jemand beschäftigt hatte. Das Augenmerk hatte alleine der Scharnierachse als Bewegungszentrum gegolten und wie sich  Abweichungen auf die Rotationsbewegungen um dieses Zentrum auswirkten. Es galt der Grundsatz, dass es hinreichend sei, die Scharnierachse auf 5 mm genau zu bestimmen. Darüber, dass sich dadurch ebenfalls die Referenz ändert, zu der man Modelle überträgt, hatte sich praktisch niemand Gedanken gemacht. Dennoch ist leicht nachzuvollziehen, dass z. B. ein um seine Hochachse verdreht im Artikulator angeordnetes Modell dort bei einer Protrusion, oder Retrusion in eine andere Richtung bewegt wird, als dies im Mund der Fall ist. 

Um die Orientierung eines eingestellten Modells zu überprüfen brauchte man nur im Artikulator ein Registrat zwischen der oberen Zahnreihe und dem Tisch des HIP-Mount anzufertigen. Dieses konnte man zurück in den Mund des Patienten setzen und an der planen Unterseite die Bissgabel des HeadLines anlegen. So konnte man überprüfen, ob das Modell z. B. tatsächlich nach der Frankfurter Horizontalen ausgerichtet im Artikulator stand, oder nicht. Es zeigte sich bald, dass Übertragungsfehler eher die Regel, als die Ausnahme bildeten! Das gab Anlass zur Neugierde: War hier eine Fehlerquelle in den als präzise gelobten gnathologischen Abläufen verborgen? War  die Systematik eines Herstellers genauer, als die eines anderen? Um das herauszufinden, wurden Duplikat-modelle von 14 Probanden je zweimal mit den gängigsten Gesichtsbögen in die dazugehörigen Artikulatoren eingestellt und die Ergebnisse mit dem HeadLines am Patienten überprüft. Veröffentlicht wurde diese kleine Studie im ICCMO Kompendium. In keinem der Fälle resultierte eine in beiden Systemen identische Modellzuordnung zur Artikulatorachse!

Diese Erkenntnis führte zum nächsten Schritt, nämlich, dass man das HeadLines auch gleich nutzen konnte, um im Mund des Patienten zwischen der Bissgabel und der oberen Zahnreihe ein Montageregistrat anzuformen, bei dem der korrekte Bezug zu den Referenzpunkten von vornherein sichergestellt war. Dieses Registrat konnte man mit seiner planen Unterseite auf den Tisch des HIP-Mount legen und das Modell somit im Artikulator zu den gleichen Bezugspunkten einstellen, zu denen das HeadLines bei der Erstellung des Montageregistrates ausgerichtet war. Um die Gaumennaht wieder vorhersehbar in die Midsagittale zu bekommen, wurde eine Übertragungsplatte entwickelt. 

Immer mehr ging es aber nicht nur um die korrekte Modellausrichtung, sondern auch um die Auswirkungen der Modellorientierung im Artikulator auf die Bewegungen zwischen den Modellzähnen, die dort erzeugt wurden. Hier kamen mir meine Erfahrungen zugute, die ich sammeln konnte, als ich mir während meinem Studium in den USA ein Zubrot verdiente, indem ich bei einer der der größten Studien über die menschlichen Kieferbewegungen unter der Leitung der Profs. Gibbs und Lundeen mitarbeitete. Ich war für die Anfertigung von Filmdokumenta-tionen zuständig und gelangte so nicht nur in den Besitz zahlreicher Aufzeichnungen, sondern wusste auch genau, wo getrickst werden musste, wenn man z. B. einen Artikulator mit im Menschen aufgezeichneten Daten in der „Kaumaschine“ bewegen wollte. Im Grunde wurde mir damals schon klar, dass das Postulat einer terminalen Scharnierachse weder als Funktionsachse, noch als Referenz aufrecht zu erhalten war und dass die Kieferbewe-gungen beim Menschen anderen Parametern gehorcht, als denen, die Kiefergelenke diktieren können. Es würde immer eine Differenz geben, zwischen dem, was nach solchen Maßgaben in einem Artikulator darstellbar war und den Kontakten, die ein Mensch in seinem Mund erreichen konnte!

Daher ging es in der Folge darum, die Modellzuordnung in allen Aspekten zu kontrollieren. Die richtige Systematik hierfür fand ich in der Fliegerei, wo man die Fluglage um drei Achsen beschreibt (Längs-, Hoch- und Querachse) und die Position in drei Dimensionen. Eine übersichtliche Systematik wurde dabei durch die Horizontalstellung der Kauebene ermöglicht, die anderen Referenzen überlegen ist, weil hier im Mund und im Artikulator zu den gleichen Bezügen gemessen werden kann. Lediglich zwei Dimensionen der Modellposition im Artikulator verbleiben am Schluss als Variable: Die Modellzuordnung bei einer gegebenen Lage um die drei Lageachsen in der Vertikalen und der Sagittalen. Diese beiden Dimensionen lassen sich nun gezielt als Teil der Artikulatorprogrammierung nutzen.

Die wichtigsten gerätetechnischen Entwicklungen erfolgten bereits in den ersten Jahren, danach galt es hauptsächlich, die vielen neuen Fragestellungen, die in Bezug auf gewohnte Abläufe aufkamen, zu beantworten. Als mit ZTM Plaster 2010 ein Distributionsvertrag geschlossen wurde, war die Technik ausgereift. Ihm ist eine explosionsartige Verbreitung der Bekanntheit von HeadLines und HIP-Mount zu verdanken, die er durch seine vielen Vorträge auf den von der Firma Jensen Dental veranstalteten Fortbildungen bewirkte. Waren vorher praktisch alle Anwender von mir persönlich geschult, so kamen nun reihenweise solche hinzu, die uns gänzlich unbekannt waren und die auch mich nicht kannten, denn sie hatten HeadLines und HIP-Mount als „Plaster-Set“ erworben. Ein Interview mit ihm auf der DVD „Die Gleichschaltung des Artikulators mit dem Patienten“ zeugt von dieser enthusiastischen, aber kurzen Phase.

Seit über 15 Jahren wird diese Technik nun von inzwischen weit über Tausend Anwendern erfolgreich umgesetzt. Dabei ist die Weiterentwicklung nicht stehen geblieben, wie das Büchlein „Plane Correction“, oder der Pitch Corrector zeigen. Selbst ein neuer Artikulator ist entstanden, der hier eine eigene Rubrik hat, bei dem nicht nur die Dimensionen für diese Technik optimiert wurden, sondern auch von der terminalen Scharnierachse sowohl als Referenz, als auch als Funktionsachse Abstand genommen und statt dessen auf die Reproduktion von Bewegungen Wert gelegt wird, wie sie habituell ausgeführt werden, wenn sie ihren Startpunkt nicht in der Retrallage des Unterkiefers haben.



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